Plakatdesign: Raban Rudiggkeit

Die Brücke beginnt mit einer Stimme

Der Abend zuvor hat einen Funken hinterlassen. Aber ein Funke allein ist noch kein Feuer, und in der Nacht danach liegt man wach und fragt sich, ob etwas davon bleibt. Ob irgendetwas von all dem den Morgen überlebt. Und meistens zeigt sich die Antwort nicht dort, wo Reden gehalten werden, sondern in einem viel kleineren, viel leiseren Raum.

Eine Gruppe kommt in die Bibliothek, junge Menschen zwischen fünfzehn und sechzehn Jahren, eine Schulklasse mit ihrer Lehrerin und ihrem Lehrer. Eine Recherche-Unterrichtsstunde steht auf dem Programm, nichts Besonderes, ein Vormittag wie viele. Die Bibliothek kennen sie längst, sie brauchen keine Führung durch Räume, in denen sie sich auskennen. Also schlage ich etwas anderes vor, gemeinsam durch die Ausstellung zu gehen und die Plakate zusammen anzuschauen.

Am Anfang sind sie zurückhaltend. Diese vorsichtige Distanz, die man manchmal einnimmt, wenn einem eine fremde Person gegenübersteht und man noch nicht weiß, was erwartet wird. Schultern leicht hochgezogen, Blicke, die eher den Boden suchen als die Wand. Manche verstecken sich regelrecht hinter den anderen, unsichtbar, als hätten sie sich für diesen Vormittag ein Tarnkleid angezogen. Ich frage, ob sich jemand mit Kunst oder Design beschäftigt. Ein paar Hände gehen hoch, und sofort zeigen die anderen Finger auf dieselben wenigen Personen, die “Künstlerischen” der Klasse, schon verteilt, schon einsortiert, als wäre Sehen ein Talent, das man hat oder eben nicht hat.

Und ich denke in diesem Moment, eine Ausstellung braucht keine Expertinnen und Experten. Sie braucht Menschen, die hinschauen. Mehr nicht. Man kann mit einer ganz einfachen Frage beginnen. Was sehe ich?

Also frage ich nach den Plakaten. Was fällt zuerst auf, was versteht ihr vom Titel, warum diese Farbe, warum diese Form, was steht geschrieben und welches Element trägt die eigentliche Aussage. Zunächst melden sich nur wenige, zögernd, halb. Dann mehr. Vor der Taube, die auf dem Plakat “DEMOCRAZY” von Lars Harmsen mitten im Sturz hängt, wird es zum ersten Mal richtig still. Jemand fragt, ob sie fällt oder fliegt, und genau in dieser Unsicherheit, in diesem kurzen Zögern zwischen den beiden Möglichkeiten, liegt schon die ganze Ausstellung. Holgers Plakat, Europas Demokratie braucht einen Schutzschirm, es ist höchste Zeit, engagiere dich jetzt, entzündet die erste kleine Diskussion des Nachmittags. Gleich gegenüber hängt “PICASSO” von Mario Lombardo, eine weitere fallende Taube, und daneben das Plakat “Democracy is spelled without X” von Toan Vu-Huu, das alle sofort an die Plattform X erinnert, über die gerade so hitzig gestritten wird. Ein Junge sagt trocken, das X fehle da wohl absichtlich, und ein anderer widerspricht ihm sofort, das mache Demokratie doch nicht besser, nur weil ein Buchstabe fehlt. So beginnt, kaum dass wir im Raum sind, das erste kleine Streitgespräch des Tages.

Ich merke, wie unterschiedlich sie an die Plakate herangehen. Die einen lesen zuerst den Titel und bauen sich von dort aus eine ganze Erklärung, wie eine Brücke, die von einem einzigen Wort aus gespannt wird. Die anderen lassen sich von einem Motiv, von einer Geste, von einem Detail im Bild mitnehmen und kommen erst am Ende beim Titel an, manchmal überrascht, dass er etwas ganz anderes sagt, als sie erwartet hatten. Aus einem Bild wird eine Frage, aus einer Frage ein Gespräch, und irgendwo dazwischen, fast unbemerkt, wird aus dem Gespräch eine andere Art zu sehen.

Ich muss dabei an die Bilderflut denken, der diese jungen Menschen jeden Tag ausgesetzt sind. Auf Instagram, auf TikTok, in Nachrichten, in Werbung, in den Werbeplakaten, die ganze Straßenzüge und das Stadtbild prägen. Bilder, die innerhalb von Sekunden etwas von ihnen wollen, die drängen, greifen, verkaufen, und weiterziehen, bevor jemand sie prüfen konnte. Genau deshalb ist es so wichtig, dass Kinder und Teenager lernen, nicht nur zu sehen, sondern zu lesen. Nicht nur den Text, auch das Bild. Nicht nur die Botschaft, auch die Absicht dahinter. Was wird gezeigt, was wird weggelassen, und darf ich anderer Meinung sein? „Nur der Denkende erlebt sein Leben, am Gedankenlosen zieht es vorbei“, schrieb Goethe. Und genau diese Haltung versuche ich in dieser Stunde zu wecken, das genaue Hinschauen statt des bloßen Vorbeiziehens. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Formen von Bildung in einer demokratischen Gesellschaft, die Fähigkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden. Bei “DEMOCRACY” von Familie Falldin, als Sonnenaufgang gemalt, wird es für einen Moment warm im Raum, fast erleichtert, nach so viel Schwere, als hätte jemand kurz ein Fenster geöffnet.

Und während ich zusehe, wie sie vor den Plakaten stehen bleiben, kommt mir ein Gedanke, der mich seither nicht mehr loslässt. Heute schauen viele zu Prominenten auf, zu Sängerinnen, zu Modemachern, deren Gesichter seit Jahrzehnten die sozialen Medien und die Plakatwände der Städte füllen, die als Vorbilder für Reichtum, Schönheit und Sichtbarkeit gelten, ohne dass irgendjemand fragt, wofür sie eigentlich stehen. Vielleicht müsste man lernen, sich ebenso mit Persönlichkeiten aus der Forschung, der Philosophie, der Wissenschaft, der Literatur, dem Design und der Kunst auseinanderzusetzen, und sich auch dort Vorbilder zu suchen. Was wäre, denke ich, wenn Goethe oder Nietzsche das nächste Trikot bewürben, oder demokratische Werte, in Worten und im täglichen Leben, anstelle einer Werbung, der jede Moral und jeder wertvolle Gedanke fehlt. Was wäre, wenn ausgerechnet die Geschichtslehrerin mit ernstem Blick für eine Pauschalreise werben würde, eine Landkarte im Hintergrund, oder der Mathematiklehrer für den Wocheneinkauf, weil niemand so überzeugend vorrechnen kann, wie viel man bei welchem Angebot tatsächlich spart. Ein Gedanke, über den man lachen muss, und gerade dieses Lachen zeigt, wie ungewohnt es inzwischen geworden ist, sich Vorbilder jenseits von Glanz und Werbefläche vorzustellen.

Und dann, mitten in diesem langsamen Prozess des Hinschauens, geschieht etwas, das mich mehr berührt als jedes Plakat allein es könnte.

Diejenigen, die sich am Anfang hinter den anderen versteckt haben, kommen nach vorne. Langsam, fast unsicher. Sie melden sich. Sie sprechen. Und ihre Stimmen sind zuerst verunsichert, schüchtern, kaum mehr als ein Flüstern, und werden dann fest, selbstbewusster, lauter, so als würden sie sich selbst beim Sprechen erst entdecken. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Kunst. Es geht um Demokratie. Denn Demokratie bedeutet, dass eine Stimme nicht deshalb weniger wert ist, weil sie leiser und unsichtbarer ist. Dass man nicht immer einer Meinung sein muss, dass man einander sogar widersprechen können muss, aber einen gemeinsamen Raum braucht, in dem dieser Widerspruch möglich ist. Einen Raum, in dem niemand ausgelacht oder eingeschüchtert wird für einen halben Gedanken.

Als wir den zweiten Stock erreichen, ist es Mittag. Alle sind seit dem frühen Morgen im Unterricht, müde Gesichter, leere Mägen. Oben stehen die Stühle bereit, und alle, erschöpft und ein wenig zerzaust, lassen sich hineinfallen. Jemand holt Brot aus dem Rucksack, jemand anderes etwas zu trinken, und für einen Moment sind sie einfach nur Kinder, die Hunger haben, mit entspannten, müden Gesichtern, in denen sich der ganze Vormittag noch einmal spiegelt. Ich frage trotzdem, ob wir weitermachen wollen, für die letzten zwölf Plakate. Die Antwort kommt überraschend schnell. Ja. Auch die Lehrerin und der Lehrer beteiligen sich jetzt. Ich bin erstaunt, wie aufmerksam sie die Plakate betrachten, wie schnell sie Zusammenhänge herstellen, wie ernst sie das nehmen.

Vor “Making the World with Diversity” von Toshio Kamitani bleiben mehrere stehen, ohne recht zu wissen, warum genau dieses Bild sie festhält. Bei Amir Kassaeis Plakat, „Demokratie ist unser kollektives Gewissen gegenüber allem, was böse und falsch ist“, wird es wieder still, diese andere Stille, die eines Satzes, der größer ist als der Raum, in dem er hängt. Bei Daniel Meiers Plakat, auf dem sich in dem Wort „Demokratisch“ das „T“ immer wieder zu einem Kreuz wiederholt, zählt jemand die Kreuze laut mit, wie ein Ritual. Dann Fons Hickmanns’ Plakat, darunter die Zeile, „Die beste aller möglichen Welten verschwindet, oder wir retten sie“. Eine Schülerin liest den Satz zweimal, einmal laut, einmal nur mit den Lippen, als müsse sie ihn erst für sich selbst prüfen, bevor sie ihn den anderen gibt.

Je weiter wir durch den Raum gehen, desto lauter werden sie, desto weniger scheuen sie sich, auch einmal zu widersprechen. Vor Gianni Rossis Plakat lachen viele auf, denn die Anordnung erinnert sie an einen Sehtest, und mitten in den Zeilen “You can focus here on what requires Action, Democracy” merkt man, wie sich das Lachen langsam in Nachdenklichkeit verwandelt. Das Pkakat von Andrew Lewis “DEMMOCRACY“, auf dem eine rote Ameise wie ein König über unzählige kleine blaue Arbeiterinnen thront. Eigentlich Ameisen hätten doch gar keinen König, sondern eine Königin. Da meldet sich sofort jemand zu Wort, schon ist die nächste kleine Debatte entfacht, noch bevor wir über die Farben sprechen, die einige sofort an die amerikanische Flagge erinnern. Das Plakat von Pekka Loiris, dem Gesicht des amerikanischen Präsidenten im Mond, das erklärt, er habe den lächerlichen und unglaublich verschwenderischen Green New Deal beendet, den er den Green New Scam nenne, wird die Stimmung kurz härter, und man spürt, wie nah dieses eine Bild an ihrem eigenen Alltag liegt. Das Wahlplakat von Raban Ruddigkeit, das die Worte Demontage, Demonstration, Demobilisierung, Demotivation, Demokratie untereinanderstellt, bringt sogar die Lehrer zu Wort, denn während die ersten vier Begriffe unmissverständlich negativ klingen, fehlt ausgerechnet dem Wort Demokratie eine ebenso klare, positive Entsprechung, und genau diese Lücke beginnt im Raum zu arbeiten. Und vor dem letzten Plakat von Lex Drewinski, auf dem das Wort Democracy in Sprechblasen erscheint, die an Micky Maus erinnern, entsteht die lebhafteste Debatte des Tages, über Disney, über die Frage, wer eigentlich die Vorbilder macht, über Animation als leise Erziehung, ohne dass sich am Ende alle einig werden, und vielleicht ist gerade das die eigentliche Übung.

Immer wieder kehren dieselben großen Themen zurück, soziale Medien, Demokratie, Krieg und Frieden, Freiheit, Umwelt. Themen, die längst zu ihrer eigenen Welt gehören, ob sie wollen oder nicht.

Am Ende liegt etwas in ihren Gesichtern, das vorher nicht da war. Fragende Blicke, erstaunte Blicke, manchmal widersprüchliche, vor allem aber wache. Vielleicht beginnt Bildung genau dort. Nicht mit einer fertigen Antwort, sondern mit einem Blick, der länger auf etwas verweilt. Mit dem Mut, etwas zu sagen. Mit der Bereitschaft, zuzuhören.

Beim Abschied bleibt eine Schülerin kurz stehen und sagt, mein Outfit habe gut zur Ausstellung gepasst. Ein schwarz-weißes T-Shirt mit einer Friedenstaube, darüber ein Victory-Zeichen, zwei erhobene Finger, und darunter die Worte WE WIN. Die Taube als Zeichen des Friedens, das Victory-Zeichen als Zeichen des Sieges, beides zusammen auf einer Brust, ein Design, das ein namhafter israelischer Designer für eine Ausstellung namens WEHOPE entworfen hat. Ein Design, das auf nichts anderem beruht als auf der Sehnsucht nach Frieden, ausgedrückt zugleich als Sieg und als Taube. Ich muss schmunzeln, und dieses Schmunzeln bleibt mir noch den ganzen Weg nach draußen. Ein einfaches Bild, das jeder versteht, und gerade weil es jeder versteht, trägt es mehr, als ein einzelner Satz es könnte. Vielleicht ist gerade diese Einfachheit die eigentliche Pointe des ganzen Vormittags.

Eine demokratische Brücke wird nicht von oben verordnet. Sie entsteht zwischen Menschen, langsam, von Hand, Stimme für Stimme. Vielleicht war diese Führung ein sehr kleiner solcher Schritt. Ein paar Schülerinnen und Schüler, ein paar Plakate, ein Gespräch in einer Bibliothek. Aber vielleicht beginnt Demokratie genau so. Mit der Fähigkeit, selbst zu denken, statt sich nur berieseln zu lassen. Mit einer Stimme, die zum ersten Mal laut genug wird, um sich selbst zu hören.

Ein Fest der Zugehörigkeit

Was am Morgen mit vorsichtigen, fast zaghaften Stimmen begonnen hat, findet am Nachmittag eine ganz andere Sprache. Eine lautere. Eine fröhlichere.

Der Weg führt mich in einen Park, zu jungen Menschen, die selbst schon dabei sind, etwas aufzubauen. Workshops zu Demokratie, zu Journalismus, zu Farbe und Wand und Graffiti. Zwei Sozialarbeiter legen abends als DJs auf, weil Musik manchmal weiter trägt als jede Rede. Auch hier steht der Oberbürgermeister mitten unter den Kindern und Teenagern, nicht daneben, nicht darüber. Überall Gespräche, Austausch, kleine Workshops, ein reges Kommen und Gehen zwischen Jung und Alt. Ein Jugendfestival „Loud & Local“ im AJZ (Alternatives Jugendzentrum KITA e.V.), bei dem alle mit anpacken dürfen und länger bleiben dürfen als sonst, und man sieht ihnen an, wie viel ihnen dieses eine Stück zusätzliche Nacht bedeutet.

Das erinnert mich an meine eigene Kindheit, weit weg im Nahen Osten, wo gerade Krieg herrscht, wo wir als Kinder bei größeren Festen ebenfalls dabei sein durften, mit anpacken durften, und dabei lernten, wie man teilt, wie man mitmacht, aber auch, wie es ist, am Ende gemeinsam auf das Ergebnis zu schauen und Teil eines Ganzen zu sein. Im Osten war das, wie ich es in meiner Kindheit erlebte, meiner Heimat Iran oft ähnlicher als dem Westen, dieses selbstverständliche Mitanpacken, dieses Dazugehören ohne große Ansage, und vielleicht ist es genau diese Vertrautheit, die mich hier, in diesem Park, so berührt.

Ich reihe mich in einen Tanzkreis ein, dreizehn, vierzehn, fünfzehn Jahre alt. Ich versetze mich in ihre Lage, denn was sie brauchen, ist vor allem Aufmerksamkeit von Älteren, jemand, der nicht belehrt, sondern einfach mitmacht. Also mache ich mit, tue, was sie tun. Zuerst sind die Augen erstaunt, ein kurzes Innehalten, ein Blick, der fragt, was macht die hier. Dann aber freuen sie sich, und sie nehmen mich auf, wie eine von ihnen. Ich tanze den vorherigen Rhythmus und die Schrittfolge nach, vermutlich falsch, unbeholfen, aber niemand lacht mich deswegen aus. Im Kreis soll sich jede und jeder einmal kurz präsentieren, und ich mache mit, die Runde wiederholt sich zweimal, dann ist die Musik zu Ende. Für einen Moment verschwinde ich aus dem Kreis. Und sie holen mich zurück. Ich freue mich, mehr, als ich erwartet hätte. Ich bin angekommen.

Und genau das, denke ich, während die Musik in mir noch nachklingt, ist Zugehörigkeit. Nicht die große Geste. Nicht die Einladung, nicht die Rede, sondern der Moment, in dem jemand merkt, dass man fehlt, und einen zurückholt. Und vielleicht ist das die einfachste, ehrlichste Übersetzung dessen, was Freiheit und Verantwortung im Alltag bedeuten können. “Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet”, sagte Matthias Claudius. In einem Tanzkreis, in dem jeder mitmacht und niemand ausgeschlossen wird, erlebt man genau das. Ganz ohne große Worte. Mit dem eigenen Körper.

Der Abend endet mit Technobässen, die durch die Nacht wummern, und mit dem Wissen, dass diese Stadt, die einmal zwei Städte war, heute weiß, wie man feiert. Und wie man zuhört.

Die fehlende Saite

Was an einem Abend wie diesem beginnt, trägt oft weiter, als man in der Nacht selbst ahnen kann. Am dritten Tag ein kurzer Besuch in der Ausstellung, ein letzter Blick auf die Gesichter, die inzwischen fast vertraut wirken. Dann geht es weiter nach Wustrow, wo die Band Les Bummms Boys direkt an der Seebrücke spielt, am Fischländer Strand, Wind vom Wasser her, Salz in der Luft. Der Spätsommerabend legt sich über den Strand, die Sonne geht langsam unter, Kinder spielen mit Luftbällen im Schein des Sonnenuntergangs, im strahlenden Licht, direkt vor der Bühne, und mittendrin singt die Band “Stadtbild” und “Der bunte Planet”, dazu neue Stücke und bekannte wie “Saufen”, “Freund” und “Zeitmaschine”, eine Mischung aus Brass, Indie, Pop und Ska mit deutschen Texten, die gesellschaftliche und persönliche Themen aufgreifen.

Meine Gastgeberin erzählt es fast beiläufig, zwischen zwei Schlucken aus ihrem Glas, während im Hintergrund die Band spielt. Damals, in ihrer Studienzeit, auf einer Party mit genau dieser Band, riss mitten im Lied eine Saite auf der Gitarre. Der Musiker sah sich um, ratlos, die Party stand kurz still, und sie war es, die ihre eigene Gitarre holte und ihr die D-Saite abnahm, ohne lange zu überlegen. Seitdem klafft in ihrer eigenen Gitarre eine kleine Lücke, unbespielt, ein leerer Platz, an dem einmal eine Saite war. Diese eine Saite aber ist weiter mit der Band gereist, so stelle ich es mir vor. Von Bühne zu Bühne. Durch Länder, die sie selbst nie gesehen hat. Hat in Städten geklungen, deren Namen sie kaum kennt. Hat unter Scheinwerfern vibriert, von denen sie nichts wusste, während sie hier, an ihrem eigenen Strand, mit dieser einen Lücke in der Gitarre weiterlebte.

Je länger ich ihr zuhöre, desto weniger klingt das nach einer Anekdote, und desto mehr nach einem Gleichnis. Eine Saite, aus der Not heraus weitergegeben, ohne Bedingung, ohne die leiseste Absicht, sie zurückzuverlangen, trägt seither ein Stück von hier durch die ganze Welt. Unsichtbar. Unbeachtet. Und doch immer im Klang mit dabei. Genau so, denke ich, funktioniert vielleicht auch Demokratie. Man gibt etwas von sich, das einem von da an fehlt, und gerade dieses Fehlen schafft Platz für etwas, das größer ist als man selbst. Genau das hat an diesem Abend die Menschen verbunden. Und genau deshalb bin ich, ganz ohne es geplant zu haben, an diesem Strand gelandet, wegen einer Saite, die fehlt, und die gerade deshalb überall dabei ist.

Was mir dabei auffällt, die Menschen hier wissen, wie sie sich verbinden. Und wie sie feiern. Und genau darin liegt vielleicht die andere Hälfte dessen, was Demokratie ausmacht. Nicht nur der Streit und das Aushalten von Widerspruch, sondern auch das gemeinsame Lachen, das gemeinsame Tanzen, das gemeinsame Bleiben. Frieden, Freiheit, Gleichheit, Zugehörigkeit. Die Gewissheit, dass man am nächsten Morgen noch dazugehört.

Ein Funke am ersten Abend. Eine Stimme am zweiten Morgen. Ein Kreis, der einen zurückholt, kaum ist man kurz verschwunden. So sieht sie aus, die Brücke, dieselbe Brücke im Grunde, die einmal zwei Städte verband, Ribnitz und Damgarten, die jahrelang getrennt waren, bis jemand entschied, dass eine Stadt eine Stadt sein sollte. Die Seebrücke in Wustrow trägt heute etwas Ähnliches ins Meer hinaus, nicht Beton und nicht Menschen, sondern die hohen Wellen der Freude, das Lachen der Kinder, vermischt mit Musik, hinaus in die Dunkelheit, wo man es nicht mehr sehen, nur noch spüren kann. Die Brücke ist kleiner, als man denkt. Und sie trägt mehr, als man glaubt. Und die D-Saite, die immer noch in der Gitarre der Bibliotheksleiterin fehlt, aber die Welt verbindet, ist genau deshalb ein Zeichen dieser gelebten Demokratie, mitten unter uns, viel zu leise, um aufzufallen, viel zu wichtig, um sie zu übersehen.

Geht wählen, aber wählt das Richtige, denn nur das zählt.

Die Ausstellung präsentiert eine inspirierende Sammlung von Plakaten, die von renommierten internationalen Designern entworfen wurden. Darüber hinaus werden einige Werke in unseren Social Media Gruppen »DEMOGRAZIE – Designing Democracy« (LinkdIn, Facebook, Instagram) geteilt, um einen aktiven Dialog über Demokratie anzuregen und die Initiative einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Eine Ausstellung »DEMOGRAZIE – Designing Democracy«  – visionäre Plakate, die Demokratie sichtbar machen und den Dialog anregen.

DEMOGRAZIE – Designing Democracy
27. August – 27. Oktober 2026
Verlängert aufgrund der großen Resonanz (ursprünglich bis 22. September)
Stadtbibliothek Ribnitz
Im Kloster 4 | 18311 Ribnitz-Damgarten

Öffnungszeiten:
Mo / Fr   09.00 – 16.00 Uhr
Di / Do    10.00 – 18.00 Uhr
Sa            13.00 – 16.00 Uhr

Initiatorin & Kuratorin: Mansoureh Rahnama
Mitinitiator, Namensentwicklung & Logodesign: Raban Ruddigkeit
Plakatdesign: Fons Hickmann

Veranstalter: Stadtbibliothek Ribnitz in Kooperation mit THINKUP Editions & T.U.C e.V.

Eine Veranstaltung der Stadtbibliothek Ribnitz und Kunstverein Ribnitz-Damgarten in Kooperation mit der THINKUP Editions und THINKUP Connectivity e.V., gefördert durch die Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern und das Projekt „Demokratie Leben!”

Wir bedanken uns herzlich bei allen Unterstützerinnen und Unterstützern für ihre freundliche Unterstützung, ihr Vertrauen und ihren wertvollen Beitrag zur Realisierung dieses Projekts.

Bernsteinstadt Ribnitz-Damgarten, Kunstverein Ribnitz-Damgarten e.V., Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Demokratie Leben! Landes Zentrale für politische Bildung und Bibliothek Ribnitz- Damgarten

Weitere Informationen:
www.bibliothek.ribnitz-damgarten.de